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HOTAVANTGARDEHOTHOT

HOTAVANTGARDEHOTHOT


Agnieszka Brzezanska, Aleksandra Domanovic, Karl Holmqvist, Reto Pulfer, Adriana Salazar Arroyo, Gernot Wieland, Amelie von Wulffen


24.11.2011


OSLO10


25.11.2011 – 26.02.2012

Eröffnung: Donnerstag, 24. November 2011, 19 Uhr
mit einer Lecture/Performance “Things that leave me sleepless” von Gernot Wieland um 20 Uhr.

Die Lecture/ Performance wird zur Finissage am 26. Februar 2012 um 16 Uhr noch einmal in englischer Sprache aufgeführt.


Mit der aktuellen Gruppenausstellung startet die zweite Phase des Programms von OSLO10: Nach temporären, einmaligen Veranstaltungen innerhalb und ausserhalb des Ausstellungsraums wird von November 2011 bis Oktober 2012 eine Serie von Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen sein. Die Ausstellung HOTAVANTGARDEHOTHOT nimmt dabei den Titel auf, der auch das Zweijahresprogramm von OSLO10 überschreibt.

Die Gruppenausstellung beschäftigt sich mit den sprachlichen und gesellschaftlichen Zuschreibungen der Avantgarde sowie ihrer Bedeutung heute. In der Geschichte der bildenden Kunst steht die Avantgarde für die künstlerischen Bewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ist mit dem Diskurs über die Moderne untrennbar verknüpft. Seit Ende des 20. Jahrhunderts ist “Avantgarde“ vor allem zu ein Modewort innerhalb der Kulturindustrie geworden: Sie erscheint im Zusammenhang von Beschreibungen neuer Labels oder bestimmter Lifestyles. Ist eine Bewegung der Kunst nach vorne, ein Aufbruch zu neuen Territorien obsolet geworden und/oder befinden sich die Vorkämpfer heute anderswo?

In der zeitgenössischen Kunstproduktion taucht der Begriff der Avantgarde vor allem in kritischen oder ironischen Betrachtungen und Zitaten auf. Den in der Ausstellung vertretenen Künstlerinnen und Künstlern ist ein hierarchieloser Umgang mit vorhandenem kulturellem Material gemeinsam. Sie eignen es sich durch Wiederholung bestehender Werke an (Karl Holmqvist, Reto Pulfer), verschieben seine Wahrnehmung durch radikale Zerstückelung (Agnieska Brzezanska, Adriana Salazar Arroyo) und verändern durch eine Neuformatierung seine Bedeutung. Sie greifen Ästhetik und Technik des Kunsthandwerks, der Gebrauchsgrafik oder der wissenschaftlichen Darstellung auf und stellen so Wert und Bedeutung des Kunstwerks in Frage (Karl Holmqvist, Gernot Wieland, Amelie von Wulffen). Die alten Utopien der Avantgarde scheinen nicht mehr zeitgemäss – der Wunsch nach Veränderung und der Angriff auf bestehende Normen ist jedoch nicht verloren gegangen. So tauchen etwa Monumente, als Symbol von Festgesetztem und von unbeweglichen Dogmen in mehreren Arbeiten auf – als Fragmente einer gescheiterten Ideologie bei Adriana Salazar Arroyo, als Mittel zur Schaffung einer neuen Identität und eines neuen Geschichtsbewusstsein bei Aleksandra Domanovic und Gernot Wieland.

Die Vorwärtsbewegungen werden heute subtiler ein- und umgesetzt und die Absetzung des historisch gewordenen Begriffs “Avantgarde” spiegelt eine Demokratisierung des Kunstsystems. Den zeitgenössischen Künstlern stehen zahlreiche Verteilungskanäle und Vermittlungstechniken zur Verfügung und machen die Kunst nicht nur einem kleinen Kreis zugänglich und verständlich. So reflektieren Künstlerinnen wie Aleksandra Domanovic die Distributions- und Produktionsmöglichkeiten der elektronischen Medien und setzen sie konsequent für die eigenen Werke ein. Die Ausstellung HOTAVANTGARDEHOTHOT reflektiert in diesem Sinn einen Zwischenzustand für und gegen die Avantgarde(n) und präsentiert individuelle Reflexionen über ihre Errungenschaften, ihren Einfluss sowie ihr Scheitern.


Öffnungszeiten:
DO bis SA, 14 – 18 Uhr
geschlossen: 23.12.2011 - 04.01.2012

Finissage:
12.02.2012, 16 Uhr

Mit Unterstützung von:
Christoph Merian Stiftung, Migros-Kulturprozent, videocompany.ch, Tweaklab

Dank an:

Appenzeller Bier

Bild:
Amelie von Wulffen, Ohne Titel, 2010. Courtesy the artist & Kunstverein Braunschweig.

Hinweis:
Karl Holmqvist – Lesung “The Sun Shines for Everyone": Mittwoch, 21. Dezember 2011, 19 Uhr, Kunsthalle Zürich


Agnieszka Brzezanska (*1972, Gdansk, Polen; lebt in Warschau und Berlin)
Agnieszka Brzezanska arbeitet in den Medien Malerei, Fotografie, Collage und Film und umkreist Themen, die mit präzisen Beobachtungen der westlichen Populärkultur Referenzen zur historischen Avantgarde aufnehmen. Mit der Beschäftigung mit Astronomie, Kosmologie oder Theosophie bezieht sie sich auf bildnerische Entgrenzungsstrategien wie sie beispielsweise Avantgardekünstlerinnen wie Hilma af Klint, Agnes Martin oder Emma Kunz umkreist haben, welche die geometrische Abstraktion nicht als Formalismus verstanden haben, sondern als ein Mittel, um philosophische, wissenschaftliche und spirituelle Ideen zu strukturieren. Brzezanska zeigt ihre Arbeiten oft in medienübergreifenden Installationen im Raum. Die Medienvielfalt verbindet sich mit Themen, welche die gesellschaftlichen Veränderungen durch technische Innovationen aufgreifen und das ambivalente Verhältnis von Technik und Spiritualität fokussieren. Die Künstlerin arbeitet bevorzugt mit Informationskanälen wie YouTube, iPad oder iPhone. Dabei verwendet sie bewusst unterschiedliche Low-Fi-Techniken und verweigert so eine technische Perfektion.
In Dharma TV (2005), einem filmischen Remix aus Fernsehbildern, nimmt Brzezanska die universelle Angst vor dem Weltuntergang auf. Der Film fokussiert auf abstrakte, analoge Bilder, die sich beim Wechsel von einem Kanal zum anderen durch Pixelformationen langsam aufbauen oder sich zersetzen. Religiöse und esoterische Sendungen, Telefonsex-Werbung sowie Nachrichten von Sendern der ganzen Welt werden zu einer rasanten Abfolge mit bedrohlicher Sogwirkung zusammengeschnitten. Die Aneinanderreihung von Bildern und ihre gleichzeitige Auflösung ruft den beklemmenden Zustand auf, der in den Endzeitvisionen oft mit dem Zerfall der gesellschaftlichen Ordnung einhergeht. Ähnlich wie in Brzezanskas Motiven des Weltalls wird die grenzenlose, schwer begreifliche Dimension der Informationsübertragung reflektiert. Die Bilderflut macht deutlich, dass es keine ideologischen Sicherheiten mehr gibt und dass in der immateriellen Welt der Datenübertragung stets die Furcht vor dem Bedeutungsverlust und dem Chaos herrscht. Am Ende des Films vermischen sich Explosionen und Katastrophenszenarien aus Hollywood-Filmen wie Independence Day mit einer romantischen Tanzszene aus einem Jugendfilm, begleitet vom Song Pull up the People (2005) der englischen, aus Sri Lanka stammenden Sängerin M.I.A. Mit den ikonischen Bildern der Zerstörung der Zivilisation und mit einer visuellen Überforderung zeigt Brzezanska einen inszenierten Reinigungsprozess – lustvoll und ironisch wird ein apokalyptischer Nullpunkt inszeniert, der wie bei den Avantgardekünstlern gleichzeitig für Energie und neue Ideenkraft stehen kann.

Aleksandra Domanović (*1981 in Novi Sad, Slowenien; lebt in Berlin)
Für Aleksandra Domanovic sind die elektronischen Medien zugleich Thema und Werkzeug. Vor allem das Internet nutzt die Künstlerin als Instrument, Distributionskanal und Gegenstand ihrer Untersuchungen zu sozialen und medialen Veränderungen. In ihrem Video-Essay Turbo Sculpture (2010) thematisiert Aleksandra Domanovic einen Trend von öffentlicher Kunst im ehemaligen Jugoslawien. Aus Mangel an Bezugspunkten oder einer eigenen jüngeren Geschichte werden an vielen Orten, besonders in Serbien, Denkmäler für Helden der Popkultur errichtet. Meterhohe Statuen von Bruce Lee, Bob Marley oder Rocky Balboa (Sylvester Stallone) dienen einer neuen Konstruktion von Wertvorstellungen und Identität. Nach bekannten Phänomenen der osteuropäischen Nachkriegszeit wie Turbo TV, Turbo Architektur und Turbo Folk benannte Domanovic diese Entwicklung in der Kunst im öffentlichen Raum Turbo Sculpture. Wie die meisten ihrer Arbeiten kann Turbo Sculpture auch auf der Website der Künstlerin gesehen werden. Direkt herunterladen kann man sich dort auch 19:30 free stack (2010). Ausgedruckt auf A4 Blätter und aufeinandergestapelt ergibt das PDF-Dokument eine Skulptur. Aus den bedruckten Rändern zeichnen sich auf den Seiten des Papierstapels die abstrakten Fragmente einer Makrofotografie von Ecstasy-Pillen. Die Referenzen zur Technobewegung sind ein wiederkehrendes Element in Domanovics Arbeit: Techno spielte für die junge Generation der Nachkriegszeit im ehemaligen Jugoslawien eine verbindende und identitätsstiftende Rolle. Es ist typisch für Domanovics Arbeit, dass sie frei zugänglich auf Blogs, auf von ihr organisierten Technoparties oder auf YouTube zu finden ist. Gemeinsam mit drei anderen Künstlern betreibt sie ausserdem vvork.com, einen Blog, auf dem täglich Bilder von Kunstwerken gepostet werden: Es werden Einzelwerke nur mit den Titelangaben und dem Künstlernamen abgebildet. vvork.com ist Archiv und fortlaufende digitale Ausstellung zugleich und gehört mittlerweile bei Künstlern und Kuratoren der jüngeren Generation zu einem der meistbesuchten Blogs.

Karl Holmqvist (*1964 in Vasteras, Schweden; lebt in Berlin)
Karl Holmqvist arbeitet mit Sprachcollagen und anderen experimentellen Formaten wie Performance-Lesungen, Künstlerbüchern sowie grossen räumlichen Installationen. Ein grosser Teil seiner Arbeit besteht aus Zitaten, die er aus einer Vielzahl von oft unerwarteten Quellen entnimmt und die er in Konstellationen mit neuen möglichen Bedeutungen zusammenbringt. Er benutzt dabei Rhythmus und Wiederholung als Mittel, um die Betrachter oder Hörer in einen Zustand zwischen Wiedererkennen und Entdecken zu versetzen. Die Handlung, etwas nochmals zu tun, beschreibt dabei eine Wiederholung an sich: Der Begriff des Originals wie er in der modernistischen Tradition verstanden wird, verliert vor dem Hintergrund dieser Arbeitsweise, in der alles wiedererzählt und wiederverwendet werden kann, an Relevanz. Die Sprache wird als eine Form von Ready-made verstanden, indem Buchstaben des Alphabets zu neuen Wörtern, Sätzen und Bedeutungen kombiniert werden. Die gezeigte Gruppe von Collagen hat die Wiener Secession des späten 19. Jahrhunderts in Wien zum Ausgangspunkt sowie deren Ideen zum Gesamtkunstwerk – die Vermischung von Kunst und Leben sowie von unterschiedlichen kreativen Ausdrucksformen wie Musik, Architektur und Design. In den Collagen werden ausgeschnittene Fotokopien mit verschiedenen Elementen miteinander verknüpft wie die Designentwürfe des österreichischen Architekten und Mitglied der Wiener Secession Josef Hoffmann (1870-1956) mit den Werbebildern der Uhrenkollektion des italienischen Modedesigner-Duos Dolce & Gabbana. Der Künstler bezieht sich weiter auf die Popikone Grace Jones und zitiert Amy Winehouse, die nicht nur durch ihre Musik, sondern auch durch ihren (Mode-)Stil berühmt wurde.

Adriana Salazar Arroyo (*1981, Costa Rica; lebt in Amsterdam und Berlin)
In ihrem 16mm Film Found Cuban Mounts (2010) zeigt Adriana Salazar Arroyo eine strukturelle Repräsentation von Erinnerung. Der Film dokumentiert eine Reise der Künstlerin von Havanna bis zur Sierra Maestra und endet beim Pier, an dem die jungen Revolutionäre 1956 in Kuba ankommen sind. Salazar Arroyo begibt sich auf den umgekehrten Weg, auf dem Fidel Castro 1959 an die Macht gekommen ist und zeigt die nachrevolutionären Monumente und Denkmäler, die auf dieser Route liegen. Das Motiv des Denkmals, das als Stellvertreter und Speicher von Ideologien fungiert, wird in Salazar Arroyos Film konsequent aufgelöst und präsentiert sich wortwörtlich in Bruchstücken. Mit der Zersetzung der Monumente, die oft für die Ewigkeit gebaut werden, wird eine andere Repräsentation für den Herrschaftsanspruch der kommunistischen Revolution in Kuba und das Scheitern ihrer Utopien gezeigt. Die Struktur und der Rhythmus des Films basieren auf Ausschnitten aus Fidel Castros berühmter, vierstündiger Rede History Will Absolve Me von 1953. Dabei hat Salazar Arroyo jeden Buchstaben der Rede in ein einzelnes Filmbild übersetzt und für jedes Wort in eine andere Einstellung gewählt.
Die Radikalität der Revolution war für viele Avantgardekünstler stets eine zentrale Metapher für ihre Kunst: Sie verstanden sich in Opposition zu traditionellen und akademischen Vorstellungen, was den Wunsch nach einer gesellschaftlichen Revolution eng mit der Avantgarde und ihre Suche nach einschneidenden Veränderungen und der Zerstörung bisheriger künstlerischer Formen verknüpfte. In Salazar Arroyos Film wird eine Vorwärtsbewegung stark verlangsamt und in ihre Einzelteile zerlegt. Der Verfremdungsprozess lässt den Inhalt von Castros Ideologie ausser Acht und nimmt den tektonischen Aufbau der Monumente als Anlass, den Prozess des Aufbaus wie des Niedergangs der kubanischen Revolutionsbewegung zu zeigen. Die Projektionsfläche im Format einer A4 Seite nimmt dabei Verbindung zur Sprache und zu einer Buchseite auf, was sich ebenfalls in der Strukturierung der Bilder im Takt eines Seitenumschlags zeigt. Die Metallkonstruktion wiederholt weiter die vielfach gezeigten Rahmungen und Gitterstrukturen im Film wie sie sich in der urbanen Umgebung Havannas oft finden lassen.

Reto Pulfer (*1981, Bern, Schweiz; lebt in Berlin)
In seinem künstlerischen Vokabular baut Reto Pulfer eigene Zeichen- und Bedeutungssysteme auf, in denen sich Ideentexte, Stoffmaterialien, Skulpturen, Performances oder Musik zu einem zusammenhängenden Ganzen verbinden. Pulfer bezeichnet seine Arbeiten selbst als „Zustände“, die einen Moment des Übergangs und der Transformation beschreiben. Diese Beweglichkeit zeigt sich ebenfalls in der Wahl seiner Materialen, die Papier, Stoff und Textilien umfassen. Pulfer näht die Stoffarbeiten aus gefundenen Textilien zusammen, die er zu neuen Flächen und Konstruktionen, teilweise mit Reissverschlüssen, sichtbaren Nähten oder Ausbuchtungen mit darunterliegendem Holz zusammenfügt. Dabei ist auch die wiederkehrende Farbe des Wassers – blau, türkis oder grün – wichtig, da es ebenfalls für Verflüssigungen und Verflüchtigungen steht. Pulfer ist ein Autodidakt, der sich seine Arbeitsweise ausserhalb der Kunsthochschule angeeignet hat. In einer Serie von modernistischen Pastellen, die Formen und Bildfindungen des Kubismus, Konstruktivismus oder Expressionismus wiederholen, zeigt er einen Initialpunkt seiner künstlerischen Karriere, an dem er sich unter anderem die Klassiker der Moderne angeeignet und für sich selbst übersetzt hat. Alle diese Arbeiten entstanden in Arlesheim und im Atelier des Künstlers in Münchenstein von 1999 bis 2000. Zusätzlich wird auch die Einladungskarte zu seiner allerersten Ausstellung gezeigt, die 2001 im Ausstellungsraum ximo43 an der Feldbergstrasse in Basel stattfand. Bereits in diesen frühen Arbeiten ist das Spiel zwischen Unvermögen, Scheitern und Kunstfertigkeit zu erkennen – der Moment der Probe und der Kalkulierung möglicher anderer Formen ist zentral für Pulfers Arbeit. Der Zustand des Ungewissen und der stillen Verweise eröffnet bei Pulfer eine selbstreferentielle Grammatik, die ebenfalls an die abstrakte Poesie erinnert. Dabei legt der Künstler die Entstehungsprozesse wie die Formulierung seiner Kompositionen in Texten oder Skripts offen und macht sie zu Teilen seiner räumlichen Installationen.

Gernot Wieland (*1968 in Horn, Österreich; lebt in Berlin)
Gernot Wieland schafft stets eine Art Ordnungs- und Erzählsystem in seinen Arbeiten. Dabei verwendet er unterschiedliche Formen der Erzählung: Seine Installationen setzen sich oft aus Zeichnungen, Texten oder Videos zusammen, die einer Geschichte auf verschiedenen Ebenen und überraschenden Wegen folgen. Dabei verbindet Wieland seine ganz eigene „Wissenschaftlichkeit“ mit Erinnerungen und Fiktion. Ein wichtiger Bestandteil sind dabei seine Lecture/Performances, eine Mischung aus Erzählungen, Berichten, persönlichen Erinnerungen und wissenschaftlichen Fakten. Die von Projektionen begleiteten Vorlesungen folgen assoziativen Erzählstrukturen und sind von einer spannungsvollen, poetischen Nüchternheit: „Wieland weiss, wie er bei seinen Zuhörern Gefühle auslösen kann. Seine Lecture/Performances erzählen persönliche Geschichten und es spielt keine Rolle, ob es seine sind. Was wichtig ist, ist, dass sie glaubhaft sind und uns etwas sagen.“ (Gigiotto del Vecchio). Ausgehend von der Fragestellung nach der Avantgarde schrieb Gernot Wieland speziell für OSLO10 eine Performance/Lecture, in der er seine Erzählstränge von der Sehnsucht nach dem Neuen bis zur Bedeutung der Helden entwickelt. Zu der Performance/Lecture entstanden Zeichnungen, eine Art von Mind Maps, und kleine Skulpturen, die sowohl als Skizzen zur Ideenfindung, als Illustration oder als eine weitere Ebene des ganzen Narrationssystems gesehen werden können.

Amelie von Wulffen (*1966, Breitenbrunn, Deutschland; lebt in Berlin)
Amelie von Wulffens Medium ist dasjenige der Collage und des Aquarells. In ihren Aquarell-Fotografie-Montagen greift sie private und kollektive Erinnerung auf und erweitert sie zu freien Choreografien und imaginativen Szenarien, die immer unvollständig bleiben. Die eigene Bildsprache, die durch die Hybridität von Fotografie und Malerei entsteht, dehnt sich weiter aus, wenn Zitate aus der Popkultur oder von klassischen Meisterwerken der Kunstgeschichte aufgenommen werden. Die Bilder nehmen ebenfalls die Blickrichtungen filmischer Kamerabewegungen auf, in dem bildnerische Fragmente ineinander fliessen und Perspektiven von Räumen und Innenansichten sich zu simultanen Sequenzen auffächern.
Mit einer Serie von 46 Aquarellen hat Amelie von Wulffen 2010/2011 eine Werkgruppe geschaffen, die sich neu und überraschend von ihrem bisherigen Schaffen absetzt: Es sind Comics von Gemüse-, Früchte-, Werkzeugs- und Wurstfiguren, die kurze narrative Szenen zeigen. Dabei werden Themen wie Erziehung, Moral und zwischenmenschliche Verhaltensregeln aufgenommen. Die Bilder erinnern an Kinderbücher aus den 1950er Jahren, welche die Künstlerin bei ihrer Grossmutter gefunden hat und welche oft moralische Wertvorstellungen in humoristischen Geschichten vermitteln. Von Wulffens Comics sind jedoch nicht unbedingt für Kinder gedacht: Immer wieder wird eine latente Spannung, ein Trauma oder ein Akt von Gewalt und Sexualität sichtbar. Der Titel der Serie, This is How it Happened, leitet sich von einer der Grafiken von Francisco de Goyas Desastres de la guerra ab und schliesst damit auf subtile Weise die Metapher des Krieges mit ein. Die Comicbilder sind auch als ein ironischer Kommentar auf die ökonomischen Auswüchse auf dem aktuellen Kunstmarkt zu lesen: Indem sie angewandte Kunst, Dilettantismus und Naivität bewusst inszenieren, stellen sie die Frage nach der Ernsthaftigkeit und dem ideellen wie materiellen Wert eines Kunstwerks. In einer weiteren Serie von Aquarellen (alle 2011) vereint von Wulffen die Formensprache aus dem Genre des Comics und der Karikatur mit derjenigen aus der Porträt- und Historienmalerei. Erinnert der grüne Kopf an die surrealen Porträts von René Magritte oder Philip Guston, nehmen die fliegenden Bücher Referenz zum Zeichnungsstil des Buchgestalters und Malers Celestino Piatti auf. Nuanciert sind in die Aquarelle Zitate aus der Kunstgeschichte eingeflochten wie von Kinderbüchern des 19. Jahrhunderts, der Pompejanischen Malerei oder den Werke von Delacroix, Arcimboldo oder van Gogh. Von Wulffen sperrt sich mit Humor und emotionaler Direktheit gegen Hierarchien, Kategorisierungen und vorherrschende Stilfragen.





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