26.10. - 30.10.2011
Eröffnung: 25.10.2011, 19 Uhr
Öffnungszeiten, 26.10. - 30.10.2011:
14 - 18 Uhr, täglich Führungen um 16 Uhr
Pioniere sind diejenigen, die in ein noch unbekanntes Territorium vorrücken, es auskundschaften und für die nachfolgenden Truppen sichern. Sie werden losgeschickt, wenn die Ressourcen knapp werden und neues Land befriedet werden muss. Die glorreichen Zeiten der Pioniere, die Mitte des 19. Jahrhunderts in den Westen Amerikas vorgedrungen sind, sind in Literatur und Film vielfach überliefert worden. In der Geschichte der Kunst werden auch die Künstler der Avantgarde als Pioniere bezeichnet, die neue Formen und Konzepte für die nachfolgenden Generationen von Künstlern erobert haben. Seit den 1960er Jahre erwiesen sich Künstler noch in einem anderen Feld als Wegbereiter, nämlich in demjenigen der Stadtentwicklung: Sie waren die Vorboten einer späteren Gentrifizierung und leiteten unter anderem die sozialen Veränderungen von Stadtteilen wie Brooklyn Heights oder Williamsburg in New York, Dalston (Hackney) in London oder Prenzlauer Berg in Berlin ein. Heute versuchen Stadtplaner oft, diese spontanen Entwicklungen auch zu nutzen und schicken Kulturschaffende für eine geplante Umstrukturierung voraus.
Auch das Kunstfreilager ist ein Stadtteil in der Entstehung und wechselt als riesige Baustelle seine Strukturen täglich. Unterschiedliche städtebauliche und gesellschaftliche Ansprüche sind mit der Konzeption des Areals unter der Leitung der Christoph Merian Stiftung verbunden. Derzeit ist es schwer vorstellbar, wie das Gelände mit Kunsthochschule, Wohnhäusern und Institutionen einst aussehen wird. Als einige der ersten, die auf dem Gebiet arbeiten, profitieren wir von diesem sich stetig ändernden Ort – „Things to Come“ wie es Beat Brogle bereits 2006 mit seiner Leuchtschriftarbeit auf dem Gebäude gegenüber der Oslostrasse formuliert hat. (1) Auf diese inspirierende Zeit des Umbruchs reagiert Pioneers to the Falls mit künstlerischen Arbeiten ausserhalb des geschützten Ausstellungsraums auf einem noch undefinierten Gebiet.
Die Arbeiten von Jérémie Gindre, Aloïs Godinat, Markus Müller, Mandla Reuter und Valentina Stieger auf dem Terrain rund um OSLO10, thematisieren die Visionen, Unsicherheiten und Sehnsüchte, die mit dem Aufbau des Areals verbunden sind. Der Aufbruchstimmung werden bald klare Strukturen folgen, die Veränderlichkeit des postindustriellen Gebiets wird verschwinden. Pioneers to the Falls ruft dabei die Wasserfälle als romantisches Idealbild und Metapher für Abenteuer und Gefahr ironisch hervor – zurzeit gibt es hier höchstens dünne Rinnsale von Bauleitungswasser. Die Vergänglichkeit von Idealen, sowie die Realität, die nach der ersten Eroberung eintreten wird, nehmen die Arbeiten mit unterschiedlichen Setzungen, Gesten sowie flüchtigen und temporären Materialien auf.
Die Installationen und Skulpturen zeigen die persönlichen Annäherungen der Künstler an das Areal, das erst bei aufmerksamer Beobachtung auf Spaziergängen seine Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig aufdeckt – als ehemaliges Zollfreilager, das in einem Mikrokosmos streng abgesichert war, das als wichtiger Umschlagplatz des Wirtschaftstandorts Basel diente und auf dem nun die Konstruktionen der Bauprojekte bereits sichtbar werden. Die Arbeiten geben dem Kunstfreilager neue Wegweiser und räumliche Markierungen und werden so das erste Kapitel seiner kommenden Geschichte mitbestimmen.
(1) Im Rahmen des Projekts 5 Parks von Markus Schaub, 2006 realisiert auf dem Dreispitzareal (Wettbewerb für Kunst im öffentlichen Raum, Kunstkredit Basel-Stadt, 2004).
Aloïs Godinat
Ausgangspunkt von Aloïs Godinats künstlerischer Praxis ist die Geste des minimalen Eingriffs: Seine Arbeiten aus einfachen Materialen wie Papier, Karton, Gummi oder Holz schaffen subtile Kombinationen und Neuformulierungen des räumlichen Kontexts, in dem sie situiert sind. Wichtig für seine Arbeiten sind stets Details wie Farbauswahl und Materialstruktur sowie die Sichtbarmachung des Prozesses der Veränderung und Flüchtigkeit.
Auch in seinen neuen Arbeiten reagiert Godinat auf den spezifischen Kontext: Im ehemaligen Waagehäuschen hat er eine Soundarbeit mit einem selbst komponierten Musikstück installiert. Die Musik entwickelt ein schlichtes Tonvolumen mit archaischen Instrumenten wie Flöte und Tambourin. Es ist eine Improvisation, welche die Suche nach einer eindeutigen Melodie umfasst, zwischen Signalklängen und abstrakter Harmonie. In der Nähe hat Godinat Skulpturen aus Metallstäben mit aufgesteckten Papierstücken arrangiert, die auf die Handlung des Besetzens oder Abmessens eines Geländes hinweisen. Die ausgeschnittenen Papiere stammen von Einladungskarten und fungieren als rudimentäre Ausschnitte kultureller Information, die nicht mehr zu entziffern sind. Weiter zeigt Godinat eine Reihe von Kartonobjekten, auf die er mit Tinte das eigene Lautgedicht Aï geschrieben hat. Verteilt über das Gelände legen die fragilen Skulpturen eine Komposition aus, die Sprache, Musik und Raum miteinander verbindet. Trotz der Temporalität der Objekte, die sich auf dem Areal, auf dem eine Vielzahl von Baumaterial steht, beinahe unmerklich einfügen, schafft Godinat durch die formalen Wiederholungen eine resistente, erkennbare Intervention.
Jérémie Gindre
In Installationen und Anordnungen aus unterschiedlichen Materialien kreiert Jérémie Gindre assoziative Zusammenhänge und narrative Linien. Mit den an verschiedenen Orten platzierten Arbeiten auf dem ehemaligen Zollfreilager legt er ein Netz von Erzählfragmenten und Spuren, das Verbindungen schafft zwischen der amerikanischen Pioniergeschichte, den Transformationen auf dem Dreispitzareal, zwischen urbanen Visionen und zurückgelassenen Feuerstellen.
Gefundene „Steine“ trägt der Künstler vom Areal in den Ausstellungsraum und kombiniert sie mit einem Zitat und einer Karte der Missouri- Fälle aus den Expeditionsberichten der Capitains Meriwether Lewis und William Clark, die 1804 die erste amerikanische Überlandexpedition zur Pazifikküste und zurück leiteten. Die Ziele der Expedition waren die Suche nach einem schiffbaren Wasserweg zum Pazifik und die Gründung einer mächtigen Nation zwischen Atlantik und Pazifik. Mit einer riesigen geologischen Skizze von New York City, die wie ein Bauplakat auf dem Gelände installiert wird, bezieht sich Gindre nicht nur auf die (vertikale) Konstruktion der Weltstadt, sondern auf visionäre Ideen im allgemeinen, die nur dank eines soliden Untergrundes realisierbar sind. Augenzwinkernd verweist Jérémie Gindre schliesslich mit Le Présent auf die Pioniere der Vergangenheit und der Zukunft, die sich ihre Mahlzeiten über dem Feuer zubereiten. Die Feuerstelle ist Teil einer Serie von Arbeiten, die Gindre bereits 2005 auf der Älggi Alp, dem ausgemessenen geografischen Zentrum der Schweiz, begonnen hat.
Markus Müller
Markus Müller entwickelt Skulpturen, die sich auf domestizierte Gegenstände oder museales Präsentationsmobiliar beziehen, deren reale Formen und Materialitäten er jedoch übersteigert. Einfache Werkstoffe wie Dachlatten oder Sperrholz bearbeitet er mit Farbe, so dass sie andere, wertvollere Holz- oder Steinstrukturen imitieren. Müller transformiert Tische, Rahmen und Sockel in dramatisierte Konstruktionen und Flächen, so dass sie sich wie Fremdkörper im Raum verhalten. Die Hyperrealität von Material und Plastizität ist auch in einer seiner aktuellen Arbeiten Scusi Brancusi (2009) im Aussenraum zu beobachten – einer gigantischen Antenne aus mit Lack beschichteten Stahl, die als permanente Installation vor dem Jacob Burckhardt-Haus in Basel situiert ist.
Für chip carving (2011) hat Müller in die Gebäudefassade der Agility Logistics AG an der Oslostrasse eingegriffen: Ein schwungvoller, agil gesetzter Strich ist in den Verputz eingekratzt. Die bildhauerische Geste des Einschnitts in eine bestehende Struktur, markiert den Ort neu. Müller unterzieht den Verputz einer materiellen Analyse und benutzt die Fassade als urbanes Material für die eigene Arbeit. Er reflektiert dabei ebenfalls den Stil der Kunst am Bau-Projekte der 1950er Jahre, der oft zwischen Dekorationsdrang und bedenkenloser Grosszügigkeit changierte. Ähnlich des concetto spaziale des Avantgardekünstlers Lucio Fontana, der in seinem Bestreben nach einer dynamischen Kunstform, Bilder mit Schnitten und Löchern perforierte und damit zweidimensionalen Werken eine aggressiv-passive Plastizität verlieh, überführt Müller die anspruchslose Fassade in ein skulpturales Bild, das auf die baldigen Veränderungen des Areals verweist.
Mandla Reuter
Mandla Reuters Arbeiten haben neben ihren konkreten skulpturalen Eigenschaften oft auch die Funktion von Links, die Strukturen für mögliche Erzählungen schaffen. Diese werden von Reuter selbst in der Regel offen gelassen, wodurch die Arbeiten aus sehr unterschiedlichen Richtungen gelesen werden können. Sie manifestieren sich durch Eingriffe in architektonische Gegebenheiten oder auch durch Bedeutungsverschiebungen, die durch veränderte Rahmenbedingungen weitere Bilder evozieren.
So blockiert er etwa den Eingang eines Ausstellungsraumes mit einem Stein und zwingt das Publikum einen neuen Weg in das Ausstellungsgebäude zu nehmen (Sammlung Boros, Berlin 2009), oder er transferiert einen Teil eines von ihm erworbenen Grundstücks in Los Angeles in eine Kunsthalle in Holland (Vleeshal, Middelburg, 2011).
Die ständigen Umbaumaßnahmen im Kunstfreilager, wo sich Aussen- und Innenräume fast täglich ändern, Wege abgesperrt und Böden aufgerissen werden, sind ein Ansatzpunkt von Reuters aktueller Arbeit. Es ist ein weiteres Loch, das auf dem Gelände gegraben wird. Nur wird dieses weder nach einem bestimmten (Zukunfts- oder Bau-)Plan, noch zu einem bestimmten Zweck ausgehoben. Mit dem Titel Progress and Decline, 2011 provoziert Reuter Bilder und Vorstellungen von möglichen Projekten oder Konstruktionen, denen dieser Aushub dienen könnte, deren Scheitern jedoch schon im Vornherein impliziert zu sein scheint, wenn die Grube nach dem Ende der Ausstellung wieder zugeschüttet und der Ort in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt wird.
Anders als etwa Land Art Künstlern wie Michael Heizer geht es Reuter weniger darum, eine Landschaft skulptural zu bearbeiten, sondern deren imaginäres und reales Potential mit seinen Arbeiten auszuloten.
Valentina Stieger
Abstraktion, Materialität und Situation. Entlang dieser Trias organisiert sich ein künstlerisches Interesse, das den Arbeiten von Valentina Stieger wiederkehrend zugrunde liegt; so auch ihrem Beitrag zu Pioneers to the Falls.
Ausgehend vom (Pfadfinder-)Stock als Grundelement archaischer Pionierleistung markiert Stieger anhand einer Serie abstrakter und simpler Objekte (Holzstäbe) die kulturelle Erschliessung des Dreispitzareals, indem sie diese an bestehende Architekturen anlehnt. Im Kontext der Ausstellung lässt sich deren Präsenz als das Sich-Zeigen der Avantgarde verstehen. Doch die vermeintliche Spezifität dieses Sich-Zeigens löst sich in der Oberflächenbeschaffenheit der Stäbe nicht ein. Stattdessen imitieren Kork-, Leder- und Marmorfolien dem Holz fremde Oberflächen und Wertigkeiten und weisen so vom Akt des Sich-Zeigens weg. Der Pionierleistung, der Avantgarde tritt deren Gegenteil entgegen: der Kitsch in Gestalt von Illusion und Fälschung.
Mit ihren diskreten und teilweise verspielten Arrangements gelingt es Stieger, instabile Situationen im offenen Raum zu schaffen, durch die Gegensätze ineinanderfallen, und in denen die Evidenz der Wertigkeiten verschwimmt. Dergestalt synthetisiert sich die abgewetzte modernistische Dialektik von Avantgarde und Kitsch bzw. Vorhut und Nachhut neuerlich zu einer vielschichtigen Reflexion über die Uneindeutigkeit und Vielgesichtigkeit des Pionierhaften sowie dessen Status überhaupt, sowohl in der Kunst als auch im besonderen Kontext der Stadtraumentwicklung.
OSLO10 outdoors
Pioneers to the Falls
25.10.2011
Jérémie Gindre, Aloïs Godinat, Markus Müller, Mandla Reuter, Valentina Stieger
back
