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OSLO10 SOLO: Jeroen Jacobs / Nuri Koerfer

OSLO10 SOLO: Jeroen Jacobs / Nuri Koerfer


08.03.2012


OSLO10


OSLO10 freut sich, zwei Einzelausstellungen zu präsentieren:

Jeroen Jacobs -
JJ
Nuri Koerfer - hold down

09.03. - 29.04.2012


Jeroen Jacobs
arbeitet mit Skulpturen, die stets die Energie der bildhauerischen Geste und die Möglichkeiten des Materials berücksichtigen. Dabei ist der Zufall, das Unberechenbare und das Unfertige wichtiger Bestandteil seiner Arbeiten. So ist die Grundlage für seine Betonskulpturen nicht eine definierte (Guss-)Form, sondern sie entstehen aus dem Versuch, die Leerräume zwischen vorgefundenen Gegenständen festzuhalten. In nur teilweise begrenzte Umrissformen gegossen, wird das Material quasi zu einem Eigenleben herausgefordert und der spröde Beton sucht sich seine Gestalt. Es entstehen organische Negativformen, deren schlussendliche Erscheinung vom Künstler nur bedingt bestimmt werden kann.

Die Thematik des Negativ- und Zwischenraums und die Auseinandersetzung mit dem Material und seinen Eigenschaften greift Jacobs in seinen Arbeiten immer wieder auf. In Tea Time (Autocenter, Berlin, 2010) arrangierte er gefundene Gegenstände wie Schaumstoffmatten, Gummireifen oder Holzstücke zu formal reduzierten Skulpturen, die er in Röhren aus transparenter Folie im Raum verteilte. In der Doppelausstellung Lost and Found (mit Tony Just bei Sommer & Kohl, Berlin, 2009) baute er Tischgestelle und montierte sie zweck- und formentfremdet an die Wand. Mit einfachen Eingriffen demontiert, re-formiert und exponiert Jacobs die Gegenstände im Raum.

Bei OSLO10 zeigt der Künstler nun mit JJ seine neueste Werkgruppe. Titelgebend für die Ausstellung ist der Hammer, den er von seinem Vater zu Beginn seines Kunststudiums geschenkt bekommen hat und in den seine Initialen gestanzt sind. Überrascht von einer Kette persönlicher Referenzen dieses über Jahre benutzten Werkzeugs, begann Jacobs mit dem Hammer eine Reihe von Stahl- und Aluminiumrohren zu bearbeiten. Das andauernde rhythmische Einschlagen auf die Rohre, welches deren Verkrümmung zur Folge hat, bestimmt allein den Gestaltungsprozess und wird von Jacobs gerade soviel gesteuert, wie er Widerstand gegen das Material leisten kann. Die Verformung der Rohre präsentiert einen veränderten Ausdruck von Körperkraft und Bewegung und untersucht das Potential des Materials selbst.

Die extreme Zurückhaltung in der Formgebung zieht Jacobs konsequent auch bei der Präsentation der Stahlrohre durch. Er lässt sie aus scheinbar kaum bearbeiteten, flachen Sockeln aus zum Teil bemalten Holz in die Höhe ragen. In der Mischung aus absoluter Reduktion und einer sichtbar gemachten Entladung von Energie, Kraft und Bewegung baut sich zwischen den Skulpturen eine räumliche Spannung auf.

Neben den fünf Stahlskulpturen präsentiert Jacobs eine modulare Struktur aus gegossenen Betonsteinen. Für die Ausstellung Neue Heimat in der Berlinischen Galerie (2007) errichtete der Künstler aus den Betonsteinen eine gerade Mauer im Raum. Die einzelnen Steine haben die Form von industriell gefertigten Betonklötze, sind aber offensichtlich von Hand gegossen. Wieder unterläuft Jacobs die klare, gerade Form der Mauer dadurch, dass er Unregelmässikeiten und Fehler, die durch die Handarbeit des Giessens entstehen, bewusst zulässt. In OSLO10 schichtet er die Steine zu Kuben zusammen, die in ihrer geschlossenen Form einen Gegenpol zu den in den Raum ragenden, gebogenen Stahlrohren bilden und schafft damit eine konsequente Gegenüberstellung von Materialien und ihren möglichen Bearbeitungsprozessen.


Jeroen Jacobs (*1968, Niederlanden) lebt in Berlin. Den Werkzyklus JJ zeigte er im Januar 2012 in der Galerie Sommer & Kohl, Berlin. In den letzten Jahren waren seine Arbeiten in Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen u.a. in der Berlinischen Galerie, im Georg-Kolbe-Museum, Kunstraum Kreuzberg /Bethanien, Autocenter und NGBK in Berlin sowie in der Cacaofabriek in Helmond (NL). In der Schweiz beteiligte sich Jacobs an Gruppenausstellungen im Projektraum exex, St.Gallen (2007), Galerie Arndt & Partner, Zürich (2006) und Kunsthalle Liestal (2001). OSLO10 zeigt die erste Einzelausstellung des Künstlers in der Schweiz.



In ihrer künstlerischen Arbeit verfolgt Nuri Koerfer ein andauerndes Interesse an Objekten und Formen und wie diese anthropomorphe Bewegungen darstellen können. Ausgangspunkt ihrer Skulpturen, Zeichnungen und Collagen sind Transformationen von alltäglichen Strukturen, die sie in die eigene Bildsprache überführt. Im Medium der Collage schafft Koerfer in ihren Werken oft neue Zusammensetzungen von Gebrauchs- und Einrichtungsgegenständen, die ein labiles Gleichgewicht zwischen einer noch erkennbaren Funktion und einer freien künstlerischen Formfindung beinhalten. Wichtige Bestandteile ihrer Skulpturen sind beispielsweise Sockel, Gestelle und Regale, in denen die Künstlerin die Aufgaben und Blickführungen von Displays und Ausstellungsmobiliar aufnimmt. Diese statischen Präsentationsmodelle kombiniert sie mit Objekten aus fragilen und instabilen Materialien wie Pappmaché, Parrafin, Wachs, Karton oder Malerkreppband, die sich in ihren Formationen auf reale wie fiktive Motive beziehen. In Skulpturen wie Untitled (Verfaulter Berg I - II) (2008) oder Untitled (Der Gipfel) (2010) präsentiert Koerfer beispielsweise auf stuhlartigen Sockelkonstruktionen Objekte, die sich einem formlos modellierten Berg annähern. Mit surreal wie melancholisch anmutenden Humor zeigen die Gebilde eine Zersetzung des stabilen Materials von Gestein oder Felsen. Koerfer untersucht intensiv, wie sich prozessorientierte Gesten und physische Abläufe als Spuren oder Abdrücke im Medium Skulptur manifestieren. Ihre Arbeiten changieren zwischen noch möglichen Verwendungsweisen und einer bewusst inszenierten Dysfunktionalität, welche die Gesellschaft und ihren Umgang mit alltäglichen Gegenständen und Konsumprodukten reflektiert.

In der aktuellen Installation hold down bringt Nuri Koerfer vier Skulpturen aus Holz mit einer Reihe von Collagen zusammen und positioniert sie in einem raumbezogenen Arrangement bei OSLO10. Die mehrgliedrigen Skulpturen About Cool 1 - 4 erinnern an möbelartige Instrumente, deren Gestalt sich auf Hilfsstützen für Körperhaltungen der Coolness beziehen. Die Künstlerin hat für ihr Projekt unterschiedliche Gebärden und Posen in Verbindung zur „Coolness“ untersucht, einem Begriff, der in den 1920er Jahren in New York im Kontext der afroamerikanischen Jazz-Szene bekannt wurde. Seitdem bezeichnet er in den Jugendkulturen sowie in der Umgangssprache ein Auftreten, das eine skeptische und rebellische Geisteshaltung zum Ausdruck bringt. In Koerfers Arbeiten spiegeln sich Körperhaltungen der Lässigkeit und Contenance, die gleichzeitig auch Selbstschutz und Unsicherheit beinhalten können. Die Holzskulpturen offenbaren eine performative Bewegung, die abwesend bleibt, aber dennoch in den räumlich ausgelegten Koordinaten gespeichert ist.
In Hold Down The Starring Sticks, einer Serie von Inkjet-Prints, zeigt die Künstlerin Montagen von unterschiedlichen populärkulturellen Bildmaterialien. Sie nehmen Filmstills und Fotografien von Idolen aus der Musiker- und Filmszene wie David Bowie, Yves Saint Laurent, Jane Birkin oder Glenn Gould auf. Auf der Suche nach einer „romantischen Coolness“ fokussiert Koerfer auf deren individuellen Gesten, die sie aus den Vorlagen extrahiert und als reduzierte Silhouetten in den Bildern zeigt. Die Collagen setzt Koerfer auf den Bildhintergrund einer gescannten Recycling-Gummimatte, die sie stark vergrössert auf Aluminium drucken liess. Das pixelartige Muster findet sich auch in dem identisch verwendeten Material als Unterlage der Holzskulpturen wieder. Die Künstlerin verbindet so die einzelnen Elemente des räumlichen Settings zu einem formalen und inhaltlichen Ganzen, das konzentrierte Beobachtungen zur zwischenmenschlichen nonverbalen Kommunikation aufnimmt.


Nuri Koerfer (*1981, Schweiz, lebt in Berlin und Zürich) hat von 2001 bis 2004 Kunst an der Byam Shaw School of Fine Art in London studiert. Im Rahmen des Werk- und Atelierstipendiums des Helmhaus Zürich hat sie 2008 für sechs Monate in Kunming in China gearbeitet. Von Januar bis März 2011 nahm sie an der The Mountain School of Art in Los Angeles teil. Ihre Arbeiten präsentierte sie unter anderem 2007 in Nuri Koerfer / Sandy Kozjek bei Freymond-Guth, Zürich; 2008 in der Gruppenausstellung Walking On Thin Ice, Artnews Projects, Berlin; 2009 in Auction 2009 am Swiss Institute, New York; 2011 in den Gruppenausstellungen Search & Destroy, Galerie Mikael Andersen, Berlin und Hidden-Parts bei After the Butcher, Berlin; sowie 2011 in der Einzelausstellung hold down in der Galerie Loock, Berlin.


Öffnungszeiten:
DO bis SA, 14 – 18 Uhr
geschlossen: 06.04.2012 - 11.04.2012


Mit Unterstützung von
:
Christoph Merian Stiftung, Migros-Kulturprozent

Dank an:
Appenzeller Bier, goba Mineralquelle Gontenbad

Bilder von:
Nuri Koerfer (links), courtesy the artist
Jeroen Jacobs (rechts), courtesy the artist; Sommer & Kohl, Berlin

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