OSLO10 freut sich, zwei Einzelausstellungen zu präsentieren:
Marlie Mul - No Oduur (Your Smoke Draws Me In)
Gerda Scheepers - Medium and Modality
08.09. - 27.10.2012
Eröffnung: Freitag, 7. September 2012, 19 Uhr
Marlie Mul reflektiert in ihren Arbeiten den kulturellen Hintergrund alltäglicher, menschlicher Verhaltensweisen und untersucht, wie diese die Menschen in ihrer Wahrnehmung und der persönlichen Erfahrung von Raum beeinflussen. So widmet sich die Künstlerin in ihren jüngsten Arbeiten und Ausstellungen dem Rauchen als sozialem Phänomen. Die Veränderungen in der öffentlichen Wahrnehmung des (Zigaretten-)Rauchens und die Wandlung hin zum gegenwärtigen Verständnis der Rauchergewohnheit als ein Gesundheitsrisiko für sowohl den Raucher als auch für sein Gegenüber, äussern sich nicht nur in der Sprache der Werbung und des Marketings, sondern zeigen sich ebenso in der Aufteilung und Nutzung öffentlicher Räume.
In der Schweiz sind solche Beobachtungen zurzeit von besonderer Aktualität. Im Vorfeld der Abstimmung über die Initiative „Schutz vor Passivrauchen“ der Lungenliga, die ein umfassendes Rauchverbot fordert, werden die Räume und Freiräume von Rauchern und Passivrauchern erneut diskutiert und hinterfragt.
In der Geschichte des Rauchens blieb der passive Raucher bis in die 1990er Jahre unsichtbar. Mit dem erwachenden Bewusstsein, dass der öffentliche Raucher den Nicht-Raucher seiner Freiheit beraubt, ein Nicht-Raucher zu sein, machte das Rauchen zu einer räumlichen Auseinandersetzung:
„Der passive Raucher blieb unsichtbar in den Entscheidungen, die über das Rauchen gemacht wurden“, schreibt Marlie Mul in ihrer Publikation Second Hand Smoke (2012). „Es war die Gesundheitsdiskussion, die alle Körper sichtbar und diskutierbar machte, auch den Körper des Nicht-Rauchers. Die Debatte darüber, ob es einen moralischen Unterschied gibt, zwischen dem Schaden, den man jemandem direkt oder eben indirekt zufügt. Der Rauch für den Raucher und der Rauch für den Nicht-Raucher. […] Es ist der aktive Raucher, der den passiven erst erschafft.“
In ihrer Ausstellung bei OSLO10 konzentriert sich Marlie Mul nun besonders auf den territorialen Aspekt des Rauchens und des Rauchs: Massive Stahlobjekte erinnern an die meist unbeachteten architektonischen Elemente, die in den Raucherecken der Hintereingänge heimlich als Aschenbecher benutzt werden. Auch wenn sie wie gefundene, abgenutzte Objekte aussehen, werden die Stahlskulpturen von der Künstlerin nach dem Vorbild der Alltagsobjekte präzise nachgeformt und ihre Gebrauchsspuren imitiert.
Diesen harten „schmutzigen“ Stahlobjekten stellt Mul leichte, pastellfarbig bedruckte Seidenfoulards gegenüber, die sie wie Bilder an die Wand hängt. Bedruckt mit comicartigen Zeichnungen, die an die simplen Cartoons erinnern, wie sie oft vergilbt an den Pinnwänden in Pausenräumen hängen, verweist sie hier auf ein mögliches Territorium der Raucher.
Für die Publikation Second Hand Smoke fragte Marlie Mul Freunde und Arbeitskollegen aus verschiedenen Kontexten an, einen Beitrag zu dem (sehr weiten) Thema Rauchen zu verfassen. Der Prozess von der Recherche, über die Auswertung des Informationsmaterials bis zur Umsetzung in Objekte ist in ihren Arbeiten stets präsent. Die Seidendrucke und Stahlskulpturen entstanden parallel zur Publikation – die Gespräche, die Mul dafür mit ihren Freunden geführt hat, flossen direkt in die Konzeption ein.
Mit dem Einsatz der zwei unterschiedlichen Materialien und ihrer Bearbeitung – dem harten Stahl und der feinen Seide – gelingt es Marlie Mul, die Widersprüche des Rauchens zwischen Heimlichkeit und Eleganz räumlich umzusetzen und sichtbar zu machen. Gleichzeitig zeigen die Objekte eine körperliche, geschlechterspezifische Konnotation und bewegen sich zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Während die geschmeidigen Seidenfoulards dazu dienen, den (weiblichen) Körper zu umhüllen und zu schmücken, werden mit den Stahlobjekten die ekligen Nischen der Architektur aus dem Verborgenen gezerrt. Die räumlichen Inszenierung offenbart die Gegensätzlichkeit in der Wahrnehmung des Rauchs: Flüchtigkeit und Körperlichkeit, Eleganz und Ekel, privater und öffentlicher Raum.
Marlie Mul (*1980 in Utrecht, lebt in Berlin) studierte Bildhauerei an Academie Beeldende Kunsten in Maastricht, sowie Architekturgeschichte und -theorie an der Architectural Association, London.
Ihre Arbeiten waren kürzlich in den Einzelausstellungen Stop Being So Attractive, I Can't Get Anything Done, Autocenter, in Berlin (2012); No Oduur, Space in London (2012); Your Wet Sleeve in My Neck, Galerie Lucile Corty in Paris (2011), sowie in den Gruppenausstellungen Deleuze and Co., Stadium in New York (2011); Grouped Show, Tanya Leighton Gallery in Berlin (2011); Benedictions at Limoncello in London (2011); The Smart Frrridge (Chilly Forecast for Internet Fridge), Kunstverein Medienturm (2010) in Graz; Rhododendron, W139 in Amsterdam (2010). Marlie Mul ist Mitinitiatorin der Online-Plattform für PDF-Künstlerpublikationen www.xym.no. Sie lehrt Architekturgeschichte und –theorie, sowie „Kunst und Media“ an der Architectural Association in London.
Mit einer Reihe von aktuellen Arbeiten entwickelt Gerda Scheepers bei OSLO10 eine abstrakte Gesamtsituation. Sich bewusst auf die Gattungen der klassischen Kunstproduktion beziehend (Malerei, Objekt und Zeichnung) verfolgt Scheepers eine Arbeitsweise, die sich von den Dualismen wie Form und Inhalt, Figuration und Abstraktion wegbewegt. Als hybride Medien fokussieren ihre Werke aus Textilien, Farbe, Holz und Porzellan die psychologischen Spannungen, die sich zwischen abstrakten Bildformen, zeichnerischen Diagrammen und der Sprache ergeben.
Mit ihrem Ausstellungstitel reflektiert Scheepers die semiotische Bedeutung von „Bild“, welches gleichzeitig Medium und Modalität ist – wobei letztere meint, auf welche Weise Information für die menschliche Kommunikation codiert ist. Die Bedeutungen, die Zeichen enthalten – ihre Funktion als Stellvertreter und Platzhalter – zeigt Scheepers in einem individuellen Referenzsystem, in dem Ansätze von Erzählungen visualisiert, Bezüge zu Film und Literatur aufgenommen sowie linguistische Bestandteile der Sprache imitiert werden. Ihre Methoden und Motive entwickeln dabei eine Syntax, die den Prozess des Kunstmachens an sich offenlegt und thematisiert. So ist oft das eigene Atelier – der Grundriss, die darin gelagerten Materialien sowie die Zeit des Nachdenkens – Ausgangspunkt von Scheepers Arbeiten.
In den Bildern und Skulpturen ist stets das Interesse der Künstlerin an Entwürfen, Textilcollagen und modulartigen Zusammensetzungen aus Materialien und Formen erkennbar sowie der starke Bezug zum menschlichen Körper. Hände, Figuren und Kleidungsstücke wie T-Shirts sind so Motive, die Scheepers immer wieder verwendet. Die Referenz zum Körper spiegelt sich ebenfalls in der Präsentation ihrer oft mehrteiligen Arbeiten als möbelartige Strukturen und in kabinettartigen Ensembles, welche an Fragmente von Inneneinrichtungen im privaten Raum erinnern. In der Serie Medium and Modality Pictures (2011/2012) zeigt Scheepers bemalte Leinwände mit Stoffapplikationen, die sich zusammen mit filigranen, stützenden Holzstrukturen stuhlartigen Objekten annähern. Der Bezug zur Kunst der Moderne und deren Bestreben, Kunst und Alltag in Form von Gesamtkunstwerken im häuslichen Innenraum zu vereinen – wie bei der niederländischen De Stijl-Bewegung oder dem Merzbau von Kurt Schwitters –, klingen genauso an, wie die Produktion eines raumspezifischen Kontexts, in dem die einzelnen Teile zu einem Gesamtbild werden.
In ihrer Arbeit beschäftigt sich Scheepers andauernd mit der materiellen Beschaffenheit des Mediums Malerei – den Bestandteilen ihrer Träger, ihrem Potential als Projektionsflächen und ihren Übergängen zwischen Zwei- und Dreidimensionalität. In dem grossformatigen Triptychon Very flat 3 hour conversation (My Partial Truths) (2011) scheinen die Keilrahmen hinter dem weissen Leinenstoff hindurch und strukturieren die auf der Bildfläche erscheinenden Formen und Motive. Die Figuren und Flächen resultieren aus beobachteten Formen der Realität, sie werden von Scheepers jedoch soweit reduziert und abstrahiert, dass sie einen Rhythmus von Satzzeichen und visuelle Codes entwickeln. Ihre Bilder folgen einer horizontalen Ausrichtung der Bildfläche und erinnern an funktionale Objekte wie Tischplatten, Notizpapiere, Atelierböden oder Anschlagtafeln, auf denen üblicherweise Daten und Informationen betrachtet und gelesen werden.
Indem die Künstlerin mit Korrekturlinien, Montage-Techniken und motivischen Wiederholungen wandelbare Bedeutungsträger aufruft, destabilisiert sie die Lesbarkeit ihrer Bilder. Über ihre Bilder sagt Scheepers selbst, diese seien „paintings actively jealous of writing and film.“ Damit meint sie die Möglichkeit der Erzählung und der gleichzeitigen Immaterialität, welche Literatur und Film durch Sprache und bewegte Bilder besitzen. Scheepers schafft in ihren Arbeiten Ansätze von Erzählungen und fokussiert deren gleichzeitige Verflüchtigung, in dem Moment, wo sie in den Bereich der Sprache überführt werden. Mit der Sichtbarmachung des Arbeitsprozesses akzentuiert sie den wechselhaften Vorgang, der in der Wahrnehmung zwischen der Bezeichnung (signifiant), der bezeichneten Bedeutung (signifié) sowie der sie verbindenden assoziativen Gesamtheit stattfindet.
Gerda Scheepers (*1979, Tzaneen, Südafrika) lebt in Berlin. Sie hat ihre Arbeiten in Einzelausstellungen am Kunstverein Nürnberg (Low and Partial – Romantic Comedy, 2012); bei blank projects, Kapstadt, Südafrika (Modal Approach and Accent, 2012); in der Galerie Micky Schubert, Berlin (Rauminhalt Äquivalente, 2011); im Center, Berlin (Written Spoken Pictures, 2011); bei Mary Mary, Glasgow (Inside Arrangement, Arrival II, 2010); in der Galerie Sprüth Magers Berlin London in Berlin (Taras Bookies 2007/2009, 2009); und im Bonner Kunstverein (Come Garden of the Combed Rocks, 2006) gezeigt. In Gruppenausstellungen war sie u. a. in der Halle für Kunst Lüneburg e.V. (gemeinsam mit den Künstler/innen rund um die Bar Ornella); im Kölnischen Kunstverein (Élégance: Automne Frottée 06/07, zusammen mit Thea Djordjadze und Rosemarie Trockel, 2007); sowie in der Kunsthalle St. Gallen (Modus: Automne Frottée, mit Djordjadze und Trockel, 2006) vertreten.
Öffnungszeiten:
DO bis SA, 14 – 18 Uhr
Mit Unterstützung von:
Christoph Merian Stiftung, Migros-Kulturprozent
Bilder:
Marlie Mul (links), courtesy the artist
Gerda Scheepers (rechts), courtesy the artist; Sprüth Magers Berlin London; Micky Schubert, Berlin
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